21.11.2012
Hochschule

Praxisvortrag: Dr. Moritz Krämer von Standard & Poor's

"Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen. Bilden Sie sich selbst eine Meinung" - Am 21.11. sprach Dr. Moritz Krämer über die Rolle der Ratingagenturen in der gegenwärtigen Finanzkrise.


"Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen. Bilden Sie sich selbst eine Meinung", eröffnete Dr. Moritz Krämer, Europachef von Standard & Poor's Sovereign Ratings Services, seinen Vortrag am 21. November. Ausführlich sprach er dabei über die Arbeit von Ratingagenturen, die spätestens seit der Finanzkrise stark im Licht der Öffentlichkeit stehen. Am Beispiel von Staaten-Ratings erläuterte er die Aufgabe der Agenturen, die ganz grundsätzlich darin besteht, die Informations-Asymmetrie zwischen Investor und Schuldner aufzuheben. Denn Ratings bilden die Meinung der Ratingagentur über die relative Ausfallwahrscheinlichkeit von Zahlungsverpflichtungen ab und sind immer öffentlich. So kann jeder Investor im Vorfeld prüfen, auf welches Risiko er sich einlässt.

 

Ratings werden von den zu bewerteten Staaten selbst in Auftrag gegeben. Aktuell zählt Standard & Poor's rund 130 Regierungen weltweit zu seinen Kunden. Darunter sind auch immer mehr sogenannte Entwicklungsländer wie zum Beispiel Benin oder Kasachstan. Diese möchten mit einem Rating signalisieren, dass sie bereit sind globalen Business-Gepflogenheiten zu folgen und sich neuen Geschäftspartnern zu öffnen – auch wenn das erste Rating oft negativ ausfällt. "Ratingagenturen beeinflussen aber niemals die Politik. Ebenso beraten Ratingagenturen niemals", betont Krämer. Auch arbeiten sie keineswegs im rechtsfreien Raum, wie oft behauptet wird. Vielmehr stehen gerade die Staaten-Ratings unter besonderer und strenger Beobachtung der Regulierungsbehörden.

 

Krämer ging detailliert auf die Methodologie ein, die zur Erstellung eines Ratings angewendet wird. Diese ruht auf fünf Säulen: der politischen, wirtschaftlichen, externen, budgetären und geldpolitischen Analyse eines Staates. Diese Analysen wiederum basieren auf Daten, Fakten, Unterlagen und Dokumenten, die öffentlich verfügbar sind oder die der beauftragende Staat der Ratingagentur zur Verfügung stellt. "Dabei gehen wir davon aus, dass wir wahrheitsgemäß und in vollem Umfang informiert werden", so der Referent, "wir sind keine Buchprüfer." Nach Analyse und Interpretation der fünf genannten Bereiche werden die Ergebnisse der politischen und wirtschaftlichen Betrachtung zum sogenannten Politisch-Ökonomischen-Profil zusammengefasst; die der drei anderen Bereiche zum Flexibilitäts-/Performance-Profil. Beide Profile zueinander in Beziehung gesetzt ergeben schließlich das Rating: von AAA bis C mit den entsprechenden Abstufungen dazwischen. Ratings und gerade eine Abstufung derselben müssen jedoch immer relativ gesehen werden, wie Krämer ausführte. Von welchem Niveau auf welches erfolgt eine Abstufung? Oft spielt das im Hinblick auf die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kredites gar keine Rolle. Denn die Zahlen von Standard & Poor's belegen, dass in den letzten 15 Jahren kein von AAA auf AA oder von AA auf A abgestufter Staat seine Kredite platzen ließ.