News und Aktuelles an der PFH Göttingen
21.06.2016
Campusstudium

Ist Lobbyismus Marketing? PFH-Absolvent im Praxisvortrag

Vor zwölf Jahren hat Mark Helfrich sein BWL-Studium an der PFH als Diplom-Kaufmann abgeschlossen, am 20. Juni besuchte er seine Hochschule als Abgeordneter des Deutschen Bundestages. Im Praxisvortrag am Campus Göttingen nahm sich Helfrich mit dem Lobbyismus in der deutschen Politik ein kontroverses Thema vor.


Hans-Christian Riekhof und Mark Helfrich

Auf Einladung von Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof (links) gab MdB Mark Helfrich den PFH-Studierenden Einblick in die politische Praxis.

Unter dem Titel "Ist Lobbyismus Marketing? Ist Marketing Lobbyismus?" zeigte Helfrich die fließenden Übergänge zwischen Marketing, Public Relations und Public Affairs auf. Vor allem aber drehten sich sein Vortrag und die anschließende Diskussion um die Fragen, inwiefern Lobbyismus für die politische Willensbildung sinnvoll sein kann und welche Grenzen umgekehrt nötig sind.

 

Aus Unternehmersicht könne Lobbyismus durchaus als Teil des Marketings verstanden werden, so Helfrich. Denn auch der Staat wird in einigen Marketingdefinitionen als Zielgruppe genannt. Und mit ihren Imagekampagnen beeinflussen große Unternehmen nicht nur Verbraucher, sondern selbstverständlich auch Politiker. Die großflächig plakatierten Entschuldigungen von Volkswagen im Abgasskandal, während der Konzern auch politisch im Kreuzfeuer stand, könnten hier als Beispiel gelten. So könne zwischen dem Marketing und Lobbyismus keine klare Trennlinie gezogen werden. Und Letzterer – meist hinter Abteilungsbezeichnungen wie "Public Affairs" oder "Politikkontakte" versteckt – nehme für Unternehmen bzw. deren Interessenverbände einen großen Stellenwert ein, wie der CDU-Politiker ausführte.   

 

 

Auslaufmodell: Herren in Spendierhosen

Das öffentliche Bild des Lobbyismus ist dabei klar umrissen: freundliche Herren, die sich an unbedarfte Politiker heranpirschen, gerne das Essen spendieren, Fachkompetenz nur vortäuschen, stets 20 unterschiedliche Visitenkarten ihrer Auftraggeber mit sich führen und schließlich die manipulative Einflussnahme suchen. "Ja, auch solche Typen gibt es noch", berichtete Helfrich, "aber sie sind ein Auslaufmodell. Denn mit dieser Form des Lobbyismus kann man in Berlin keinen Blumentopf mehr gewinnen." Die modernen und im Prozess notwendigen Lobbyisten seien hingegen diejenigen, die offen die Anliegen von Interessengruppen vorbringen. "Für gute Gesetzgebung ist es unerlässlich, dass sich Bundestagsabgeordnete mit den Argumenten von Interessenverbänden auseinandersetzen. Wichtig ist dabei nur, dass die sich gegenüberstehenden Gruppen – zum Beispiel Wirtschaftsverbände versus Umweltverbände – gleichermaßen Gehör finden", erklärte Helfrich den Managementstudierenden.

 

Bei komplexer Materie wäre es manchmal geradezu fahrlässig, wenn Ausschüsse des Parlaments nicht auf das Fachwissen von Verbänden bzw. deren Lobbyisten zurückgreifen würden. Zusätzlich steht den Volksvertretern der wissenschaftliche Dienst des Bundestages zur Verfügung. Aber dies reiche nicht immer zur Meinungsbildung aus, so Helfrich. Der PFH-Absolvent zeigte aber auch auf, wo Lobbyarbeit trotz negativen Branchenimages und Bedenken in der Sache erfolgreich gewesen sei. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke im Oktober 2010 – ein halbes Jahr vor der Fukushima-Katastrophe – sowie im Juni 2013 die Verhinderung schärferer CO2-Normen auf Drängen der Automobilindustrie, sind für ihn nur zwei prominente Beispiele. In anderen Fällen seien es aber ebenso Nichtregierungsorganisationen, wie Umweltschutzverbände oder Arbeitnehmervertreter, die lautstark und durchaus erfolgreich Lobbying betreiben.

 

 

Klare Grenzen setzen

Sich selbst setzt Helfrich klare Grenzen im Umgang mit Lobbyisten: Für ihn sei es tabu, sein Essen von einem Lobbyisten bezahlen zu lassen. Auch Nebentätigkeiten für Unternehmen oder Verbände lehnt Helfrich für sich ab. "Das Bundestagsmandat ist ein Vollzeitjob", stellt der Familienvater klar.

 

An den Vortrag Helfrichs schloss sich eine spannende und ausführliche Diskussion an, in der die Studierenden viele Punkte aufgriffen und vertieften.

 

 

Zur Person

Nach seinem Studienabschluss an der PFH im Jahr 2004 war Mark Helfrich zunächst für den italienischen Nahrungsmittelkonzern Barilla in Düsseldorf tätig, wechselte nach kurzer Zeit aber in der Energiewirtschaft. Knapp acht Jahre war er in verschiedenen kaufmännischen Funktionen für Eon in seiner Heimat Schleswig-Holstein sowie für die Hamburg Netz GmbH tätig. 2013 machte er sein Hobby – die Politik – zum Beruf, kandidierte für die CDU im Wahlkreis Steinburg/Dithmarschen Süd (südwestliches Schleswig-Holstein) und zog erfolgreich in den Bundestag ein. Dort ist er momentan unter anderem im Ausschuss für Arbeit und Soziales aktiv.