27.07.2017
Hochschule

Von der Wirtschaft zur Politik

Die Karrieren von PFH-Absolventen laufen nicht zwangsläufig in Unternehmen ab. Das praxisnahe Studium qualifiziert auch für andere Berufswege und herausfordernde Aufgaben, wie das Beispiel von Joachim Algermissen (31) zeigt. Aktuell steht er kurz davor, seine Dissertation abzuschließen und arbeitet bereits als Referent der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag. Außerdem tritt er bei der Niedersächsischen Landtagswahl am 14. Januar 2018 als Kandidat der FDP in seinem Heimat-Wahlkreis 22 Sarstedt/Bad Salzdetfurth an.


Joachim Algermissen

PFH: Herr Algermissen, was haben Sie studiert?

Joachim Algermissen: 2008 habe ich mich für das Bachelorstudium General Management an der PFH entschieden. Damals wollte ich unbedingt die wissenschaftliche Perspektive auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge kennenlernen, die ich bereits in der Ausbildung praktisch erlebt hatte. Im Anschluss an mein Bachelorstudium ging es für mein Masterstudium an die Universität Liechtenstein nach Vaduz. Das dortige Programm mit dem Schwerpunkt 'Banking and Financial Management' hatte mich sehr gereizt.

 

 

Welche Ausbildung haben Sie vor dem Studium durchlaufen?

Ich habe den Beruf des Bankkaufmanns gelernt. Übrigens werde ich oft gefragt, ob ich es bereut habe, vor dem Studium eine Ausbildung absolviert zu haben. Darauf antworte ich mit einem klaren Nein. Denn während der Ausbildung habe ich gelernt, was Arbeiten bedeutet, und das war mit Anfang 20, zumindest für mich, von unschätzbarem Wert.

 

 

Worüber haben Sie Ihre Doktorarbeit geschrieben?

Während meines Studiums habe ich mich zunehmend mit europäischen und volkswirtschaftlichen Fragestellungen beschäftigt und wollte mich im Rahmen einer Doktorarbeit tiefgreifender mit diesen Themen auseinandersetzen. Rückblickend denke ich übrigens, dass mich die ausgeprägte Internationalität der Uni Liechtenstein dazu gebracht hat. Meine Dissertation erhielt dann den Titel "Beiträge für ein stabiles Deutschland und ein dynamisches Europa: Die jüngere deutsche und europäische Wirtschaftsgeschichte im Lichte der Biographie von Hans Tietmeyer". Den Kontakt zu Herrn Tietmeyer bekam ich über Professor Michael Gehler von der Universität Hildesheim, der Tietmeyer zu seinen sogenannten Europagesprächen eingeladen hatte.

 

Meine Arbeit ist interdisziplinär aufgebaut, da ich mich sowohl mit volkswirtschaftlichen als auch historischen Aspekten befasst habe. Im Kern geht es um eine wissenschaftliche Bewertung des beruflichen Lebenswerks von Hans Tietmeyer, der insbesondere von 1993 bis 1999 Präsident der Deutschen Bundesbank war. Er gilt als letzter Hüter der D-Mark und hat von deutscher geldpolitischer Seite den Euro eingeführt. Daher liegt ein wesentlicher Schwerpunkt meiner Arbeit auf einer volkswirtschaftlichen, aber auch historischen Bewertung von Tietmeyers damaligen Forderungen für den Euro. Wurde seine Idee für die Eurozone umgesetzt? Wären seine Ansätze vielleicht besser gewesen? Leider ist er im Dezember 2016 verstorben. Er konnte meine Arbeit aber fast bis zum Schluss intensiv begleiten und mit wertvollen Anmerkungen bereichern.

 

 

Was machen Sie aktuell beruflich?

Seit November 2016 arbeite ich in einer Doppelfunktion in der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag. Zum einen bin ich persönlicher Referent des Fraktionsvorsitzenden Christian Dürr. Für ihn bereite ich inhaltlich Texte und Reden vor, wofür man natürlich stets ausführlich recherchieren muss. Außerdem koordiniere ich fast alle Prozesse in seinem Büro. Zum anderen arbeite ich als Referent für Haushalt und Finanzpolitik für den finanzpolitischen Sprecher der Niedersächsischen FDP-Fraktion Christian Grascha. Dabei liegt mein Schwerpunkt in der gemeinsamen Ideenfindung und Ausarbeitung von Gesetzesentwürfen oder Entschließungsanträgen und in der Formulierung mündlicher oder schriftlicher Anfragen an die Landesregierung. Insgesamt macht der Job viel Spaß und ist sehr abwechslungsreich, da sich der Wind in der Tagespolitik bekannterweise schnell drehen kann – das macht es sehr spannend.

 

 

Warum engagieren Sie sich jetzt auch selbst in der Politik?

Schon seit meiner Jugend bin ich ein politischer Mensch und interessiere mich für die weltweiten politischen Entwicklungen. Durch mein Studium und insbesondere meine Dissertation, die auch eine Vielzahl politisch-umstrittener Themen aufweist, habe ich mich vor allem wirtschafts- und finanzpolitisch sehr klar positioniert.

 

Seit einigen Jahren gibt es nun mehrere gesellschaftliche und politische Entwicklungen, die mich nicht nur zu ehrenamtlichem, sondern auch beruflichem politischen Engagement gebracht haben. Da ist etwa der zunehmende Populismus, bei dem Parteien mit realitätsfernen Informationen Politik machen und tatsächlich einen Teil der Bevölkerung auf ihre radikale Seite ziehen. Hier ist als Beispiel die von der AfD geforderte Mindestabschiebequote zu nennen; solche abstrusen Vorschläge muss man argumentativ bekämpfen. Ein weiterer Faktor ist der sichtbar zunehmende weltweite Protektionismus – insbesondere ausgelöst durch Donald Trump. Die künftigen wirtschaftspolitischen, aber auch gesellschaftspolitischen Entwicklungen werden wir nur meistern können, wenn wir in der westlichen Welt eng zusammenarbeiten. Wenn uns die Volkswirtschaftslehre doch eins lehrt, dann, dass Abschottung eine Gesellschaft noch nie vorangebracht hat. Ich möchte deshalb meinen bescheidenen Beitrag dazu leisten, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken und möchte dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft auf einem liberalen und weltoffenen Weg bleibt, der wirtschaftspolitisch von einer stabilitätsorientierten Ordnungspolitik begleitet wird.

 

 

Inwiefern hat Ihnen das Studium an der PFH bei Ihren bisherigen beruflichen Herausforderungen beziehungsweise Ihren Zukunftsplänen geholfen?

An der PFH habe ich gelernt, mich schnell und präzise in unterschiedlichste Themen einzuarbeiten. Ich erinnere mich noch gut, wie wir während der Semester in kürzester Zeit für Klausuren verschiedenster Fachbereiche lernen, gleichzeitig eine oder mehrere Hausarbeiten schreiben und möglicherweise noch eine Präsentation oder mündliche Prüfung vorbereiten mussten. Damals hat mir das natürlich nicht unbedingt geschmeckt, aber in meinem heutigen Arbeitsumfeld stellt sich diese Erfahrung als äußerst wertvoll heraus.

 

Darüber hinaus ist auch die hohe Praxisorientierung an der PFH eine tolle Sache. Mir haben Praktika intensive Einblicke in vier verschiedene Unternehmen und deren operative Abläufe vermittelt. Ich denke, dass ich dadurch heute unterschiedlichste Sachverhalte deutlich besser und mit breiterem Blick bewerten kann. Nicht zu vergessen ist mein halbjähriger Auslandsaufenthalt an unserer Partnerhochschule in Worcester, wodurch ich auch die internationale Perspektive kennenlernen durfte. Meinen englischen Sprachkenntnissen hat das sicherlich auch nicht geschadet.

 

 

Was haben Wirtschaft und Politik Ihrer Meinung nach gemeinsam, was unterscheidet sie?

Gemeinsam haben die beiden Bereiche mit Sicherheit das hohe Maß an Teamwork und Kompromissbereitschaft, um erfolgreich sein zu können. Aus finanzieller Perspektive sind Unternehmen und Politik übrigens ziemlich ähnlich aufgebaut. Sowohl im Unternehmen als auch in der Politik geht es stets darum, die Budgets für die Erreichung der formulierten Ziele auf die verschiedenen Bereiche wirkungsvoll aufzuteilen. Darüber hinaus ist Wahlkampf auch immer ein bisschen Marketing und Vertrieb.

 

Unterschiede sehe ich insbesondere in der Schnelligkeit, mit der Entscheidungen herbeigeführt werden können. Der Geschäftsführer eines klassischen Mittelständlers kann dies in seinem Unternehmen unter Umständen sofort tun. In der Politik dagegen ziehen sich konkrete Entscheidungen häufig sehr lange hin, da Initiativen teils ewig in Ausschüssen und im Plenum diskutiert werden. Ein weiterer Unterschied ist aber natürlich auch die oberste Zielformulierung der beiden Bereiche: Während ein Unternehmen stets auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, geht es in der Politik eher um den maximalen Output zugunsten des Gemeinwohls.

 

 

Herr Algermissen, vielen Dank für das Gespräch!