Interview Rainer Lehmann

Eine Führungskraft muss Komplexität reduzieren

Rainer Lehmann im Interview mit Prof. Riekhof

Die Komplexität zu managen bzw. so weit wie möglich zu reduzieren, Prinzipien anstelle von Regeln im Unternehmen zu verankern, Eigenverantwortung zu fördern und existierende 'Silos' innerhalb des Unternehmens abzuschaffen“- so beschreibt Rainer Lehmann seine derzeit größten Herausforderungen im Interview mit Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof

 

Der heutige Finanzvorstand des international führenden Pharma- und Laborzulieferers Sartorius AG aus Göttingen gehört zum Pionierjahrgang der PFH, wo er 1999 sein Studium als Diplom-Kaufmann erfolgreich abschloss. Beim Göttinger Alumnitag wird der in New York lebende Rainer Lehmann auf seinen bisherigen Karriereweg zurückblicken und persönliche Empfehlungen an Studierende und Alumni weitergeben.

Welches ist die wichtigste Botschaft, die Sie aus Ihrem Studium an der PFH mitgenommen haben und die sich für Ihre Managementaufgaben als wichtig erwiesen hat?

Lehmann: Ich weiß nicht, ob „Botschaft“ das richtige Wort ist. Ich schätze bei der PFH das doch sehr praxisnahe Studium und den frühen Kontakt zu Unternehmen. Nutzt die verschiedenen Praktika, um zu experimentieren - in jeder Hinsicht.

 

Welche Rolle spielen Branchenerfahrungen für den Job, den Sie heute haben?

Lehmann: In meinem Fall keine, da ich den weitaus größten Teil meiner Karriere im Bereich Finanzen und Controlling verbracht habe – dieser ist für produzierende Unternehmen weitestgehend branchenunabhängig.

 

Die PFH legt ja Wert darauf, dass die Studierenden lernen, eine gute Beziehung zu einem Mentor aufzubauen. Hatten Sie in den vergangenen Jahren einen Mentor? Und können Sie etwas über die Beziehung zu Ihrem Mentor sagen?

Lehmann: Einen Mentor zu finden bzw. von einem Mentor „unter seine Fittiche“ genommen zu werden, halte ich für extrem wichtig. In meinem Fall hatte ich bereits seit dem ersten Praktikum das Glück, einen Mentor gefunden zu haben. Mentoren „öffnen“ einem innerhalb eines Unternehmens Türen, die man sonst nur sehr schwer aufkriegt - hindurchgehen muss man sicherlich immer noch selbst, und im Endeffekt zählt die Leistung; oft scheitert es aber bei vielen Talenten daran, dass Ihnen niemand die Tür zeigt. Wenn ich auf die letzten 19 Jahre zurückblicke, hatte ich nahezu ununterbrochen in den verschiedenen Positionen innerhalb des Sartorius Konzerns einen Mentor.

 

Welches sind für Sie persönlich die Key Learnings aus Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn?

Lehmann: “Never take 'no' for an answer – fight for what you believe in.” Außerdem sich frühzeitig darüber im Klaren werden, für welche Werte und Normen man steht und wo man für sich die Grenzen zieht – im Eifer des Gefechtes kann es schnell dazu kommen, dass diese sonst überschritten werden – oft mit dramatischen Konsequenzen.

 

Was macht für Sie einen „Unternehmer“ aus, auch wenn Sie persönlich eher Manager sind? Gibt es Ihrer Meinung nach in Großunternehmen genügend „Unternehmer“?

Lehmann: Unternehmer zu sein, bedeutet, Situationen ganzheitlich zu betrachten, eigenverantwortlich zu handeln, kalkulierte Risiken einzugehen und die Rahmenbedingungen, in denen man sich befindet, für seine Ziele zu nutzen, die nachhaltigen Wert schaffen. Dabei ist es wichtig, Leute für seine Idee zu begeistern und mit in den Bann zu ziehen. Gerade im heutigen Umfeld schaffen Großunternehmen zum Glück immer mehr dringend erforderlichen Spielraum für „Entrepreneurship“. Unternehmertum ist ein wesentlicher Faktor für Innovation und heutzutage ein immer wichtig werdender Faktor, um im Top Management überleben zu können.

 

Welches sind die größten Herausforderungen, die Ihre derzeitige Position / Aufgabe mit sich bringt?

Lehmann: Die Komplexität zu managen bzw. so weit wie möglich zu reduzieren, Prinzipien anstelle von Regeln im Unternehmen zu verankern, Eigenverantwortung zu fördern, existierende „Silos“ innerhalb des Unternehmens abzuschaffen, auf das extrem schnellebige Umfeld – das gerade in der Biotech-Branche über die letzten Jahre sehr zugenommen hat – zu reagieren bzw. in diesem Umfeld zu agieren.

 

Gibt es Projekte, die Sie verantwortet haben und die richtig schief gegangen sind? Und wie sind Sie damit umgegangen?

Lehmann: Bis dato nicht – ich habe sicherlich schon Entscheidungen getroffen, die ich im Nachhinein so nicht noch einmal treffen würde. Wichtig ist, dass man a) aus Fehlern und den gemachten Erfahrungen konstant lernt und b), dass man keine Angst hat, Entscheidungen zu treffen – eine (im Nachhinein) „schlechte“ Entscheidung ist mir immer lieber als gar keine Entscheidung.

 

Welches sind Ihre Prinzipien bei der Auswahl von Mitarbeitern, die direkt an Sie berichten? Worauf legen Sie – natürlich neben der fachlichen Qualifikation - besonderen Wert?

Lehmann: EQ (emotional intelligence), Flexibilität, eine gewisse intrinsische Motivation, etwas bewegen zu wollen.

 

Gibt es etwas, was Sie den heutigen Studenten der PFH unbedingt ans Herz legen möchten?

Lehmann: Seid „aggressiv“, denkt mit, stellt den Status quo immer wieder in Frage – sucht euch einen Job, der Spaß macht!

 

Wie denken Sie über das Thema Work-Life-Balance? Haben Sie da für sich Prinzipien formuliert?

Lehmann: Ja. Generell geht bei mir die Familie vor. Das mag jetzt schizophren klingen, da ich im Moment in New York lebe und im Vorstand einer börsennotierten Gesellschaft in Deutschland bin, ist es aber meiner Meinung nach nicht. Ich bin natürlich sehr viel unterwegs, sehe aber grundsätzlich zu, dass ich am Wochenende zu Hause bei meiner Familie bin. Diese Zeit genieße ich dann sehr intensiv und arbeite auch nur in Ausnahmefällen am Wochenende. Des Weiteren kann ich zum Glück auch ab und zu aus unserem Büro in New York arbeiten. Das Ganze geht aber nur, wenn die Familie zu 100 % hinter einem steht – es ist wichtig, dies von vornherein zu klären.