Interview Albrecht Betzold

80-Stunden-Woche und Mikro-Management

Albrecht Betzold im Interview mit Professor Riekhof

"Eine wichtige Botschaft aus dem Studium habe ich erst viel später wirklich verstanden: Nämlich was es bedeutet, Chef zu sein und zu delegieren. Ich habe es mit der 80-Stunden-Woche und Mikro-Management versucht, aber das hat nicht lange funktioniert." Diese und viele weitere "Einsichten" hat Albrecht Betzold im Interview mit Prof. Dr. Hans-Christian Riekhof bereits vorab verraten.

 

Albrecht Betzold, Alumni der PFH aus dem Jahre 2006, wird mit seinem Vortrag "Als familiärer Mittelständler im Epizentrum disruptiver Innovation" Einblicke in sein Leben als Geschäftsführer der Arnulf Betzold GmbH am Göttinger Alumnitag 2017 gewähren. Nach Abstechern im Brand-Consulting in Shanghai und im Food-Spezialversand in Bremen führte ihn der Weg ins eigene Familienunternehmen. Seit 2006 verantwortet Betzold als Geschäftsführer insbesondere die Markenentwicklung in der konsequenten Digitalisierung und E-Commerce-Ausrichtung des Unternehmens.

Welches ist die wichtigste Botschaft, die Sie aus Ihrem Studium an der PFH mitgenommen haben und die sich für Ihre Managementaufgaben als wichtig erwiesen hat?

Betzold: Das angeeignete Wissen eines Studiums hält in digitalen Zeiten größtenteils nicht sehr lange an bzw. hat eine relativ kurze Halbwertszeit. Das Wichtigste im Studium war die Aneignung neuer Kompetenzen und die Fähigkeit, sein Wissen täglich weiterzuentwickeln.

 

Eine wichtige Botschaft aus dem Studium habe ich erst viel später wirklich verstanden: Nämlich was es bedeutet, Chef zu sein und zu delegieren. Ich habe es mit der 80-Stunden-Woche und Mikro-Management versucht, aber das hat nicht lange funktioniert.

 

Welche Rolle spielen Branchenerfahrungen für den Job, den Sie heute haben?

Betzold: Weil E-Commerce ein sehr spezielles Thema ist, ist Branchenerfahrung sehr wichtig. Zwar gibt es hier auch zahlreiche Quereinsteiger, die sich schnell einarbeiten können. Aber wenn man keinem dynamischen Umfeld entstammt, wird es wirklich schwer. Die Ausrichtung des Marketing-Schwerpunktes an der PFH auf Direktmarketing war sehr hilfreich, gerade für unser Unternehmen. Auch den E-business-Schwerpunkt gab es schon. Aber da haben sich die Inhalte in der Wirklichkeit sehr schnell überholt.

 

Die PFH legt ja Wert darauf, dass die Studierenden lernen, eine gute Beziehung zu einem Mentor aufzubauen. Hatten Sie in den vergangenen Jahren einen Mentor? Und können Sie etwas über die Beziehung zu Ihrem Mentor sagen?

Betzold: Für eine wirkliche Mentoren-Beziehung nach dem Studium habe ich mir nicht die Zeit genommen. Sie hätte mir geholfen, um Zeit zu sparen, insofern hat sich dies als schmerzhafter Fehler herausgestellt.

 

Von meinem Mentor in der PFH habe ich die Aussage mitgenommen, dass ich mich nicht über Dinge aufregen sollte, die ich nicht ändern kann. Eine solche grundsätzliche Einstellung macht einem den Alltag leichter.

 

Welches sind für Sie persönlich die Key Learnings aus Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn?

Betzold: Ich erhielt im Studium ein paar Ratschläge, die ich hätte ernster nehmen sollen; ein Fehler, den aber wohl jeder Absolvent machen wird. Rückblickend hätte ich darauf mehr Acht geben sollen.

 

Dazu gehört zum Beispiel der Ratschlag, nach dem Studium NICHT sofort ins eigene Unternehmen zu gehen.

 

Wissensausbau und Selbstreflexion müssen Teil des Tagesgeschäftes sein.

 

Was macht für Sie einen „Unternehmer“ aus? Gibt es Ihrer Meinung nach in Großunternehmen genügend „Unternehmer“?

Betzold: Ich habe in den vergangenen Monaten 15 Experten eingestellt, um einen Wachstumsschub für das Unternehmen vorzubereiten. Das merkt man natürlich sofort in der BWA, zumal das alles keine Berufseinsteiger, sondern teure Spezialisten sind. Es wird sich zeigen, ob sich diese „Investition in die Zukunft“ auszahlen wird.

 

Es geht darum, zu „unternehmen“, zu machen, umzusetzen, auszuprobieren und auch zu scheitern. Viele Unternehmer scheinen nur zu verwalten und – möglichst vorsichtig - zu optimieren, es muss aber weiterentwickelt und Neues versucht werden. Die Problematik unternehmerischen Mangels scheint mir allerdings nicht an die Größe eines Unternehmens gekoppelt, sondern dessen Denkweise. Manche Unternehmen arbeiten auch mit zehntausenden Mitarbeitern agil und dynamisch wie ein Startup, andere verwalten sich bereits mit ein paar hundert Mitarbeitern konzernartig selbst.

 

Welches sind die größten Herausforderungen, die Ihre derzeitige Position / Aufgabe mit sich bringt?

Betzold: Die tägliche Entwicklung des Geschäftsmodells lässt keine Zeit, um innezuhalten. Das kann einerseits Spaß machen, ist aber auch anstrengend. Wichtig ist es, dass hierbei das gesamte Unternehmen mitzieht, ab einer gewissen Größe ist es anspruchsvoll, dies auch wirklich hinzubekommen.

 

Gibt es Projekte, die Sie verantwortet haben und die richtig schief gegangen sind? Und wie sind Sie damit umgegangen?

Betzold: 2011 hatten wir eine Webshop-Integration, die von Grund auf schief lief und nahezu keine Erfolgsaussichten hatte. Leider ließ ich mich von großen Dienstleister-Marken blenden, so dass ich die Kompetenz der Partner nicht hinterfragt habe. Die Folgen waren für Kollegen, das Unternehmen und zuletzt auch mich persönlich tiefgreifend und nachhaltig belastend. Als dann irgendwann damit abgeschlossen war, lag der Schwerpunkt aber schlichtweg darauf, aus dem Scheitern zu lernen und sich anhand dieser Erkenntnisse stetig selbst zu hinterfragen. Dies führte letztlich dazu, dass in den darauffolgenden Jahren weitaus bessere Entscheidung mit tollen Ergebnissen gefällt werden konnte.

 

Welches sind Ihre Prinzipien bei der Auswahl von Mitarbeitern, die direkt an Sie berichten? Worauf legen Sie – natürlich neben der fachlichen Qualifikation - besonderen Wert?

Betzold: Es geht darum, eine menschlich zu 100 Prozent passende Person auszuwählen, es muss Vertrauen und beidseitige Loyalität herrschen, beide Seiten müssen sich offen und lückenlos kritisieren können. Im Verhältnis zur fachlichen Qualifikation macht dieser Umstand für mich 50 Prozent der Auswahlentscheidung aus.

 

Weiterhin lege ich auf Personen ohne großes Statusempfinden Wert. Deren Position im Unternehmen ist sehr hoch, direkt unter der Geschäftsführung, darf sich aber nicht in Statusbedürfnissen (Vorzimmer, Eckbüro, keine Treffen ohne Terminvergabe für operative Mitarbeiter etc.) festfahren.

 

Gibt es etwas, was Sie den heutigen Studenten der PFH unbedingt ans Herz legen möchten?

Betzold: An die Nachfolger im eigenen Familienunternehmen: Geht nicht direkt ins eigene Unternehmen. Lasst Euch einige Jahre Zeit, um eine eigene Karriere und ein echtes Profil aufzubauen. Wenn Ihr ins Unternehmen einsteigt, müsst Ihr ausreichend Gravität, Qualifizierung und Führungsstärke entwickelt haben und ausstrahlen. Das ist natürlich auch im Familienunternehmen möglich, aber weitaus schwieriger.

 

Ihr studiert – vermutlich – nur einmal, vergesst neben Praktika, Klausuren und Vita-Optimierung nicht das Studentenleben. Zudem muss nicht jedes Praktikum lebenslaufoptimiert bei bekannten Beratungen stattfinden. In digitalen Zeiten machen sich selbst Praktika als Surflehrer, Insta-Fotograf oder Hundetrainer in Neuseeland gut in der Vita.

 

Wie denken Sie über das Thema Work-Life-Balance? Haben Sie da für sich Prinzipien formuliert?

Betzold: Ich halte die Trennung letztlich für unklug, nachdem sie suggeriert, dass Leben und Arbeiten nicht konform gehen können. Die Arbeit – egal ob als Gründer, Nachfolger oder Angestellter, muss so erfüllend sein, dass sie ein Teil des Lebens sein kann. Dieses Privileg hat nicht jeder, aber mit der Qualifizierung eines Studiums – insbesondere in digitalen Zeiten – sind die Chancen wirklich gut, einer Arbeit nachzugehen, die kein TGIF-Denken auslöst.